Was sind Mikroexpressionen, und können sie Lügen verraten?
Eine Mikroexpression ist ein Gesichtsausdruck, der sehr schnell erscheint und wieder verschwindet; meist gilt als Grenze eine Dauer von weniger als einer halben Sekunde. Mikroexpressionen gibt es wirklich, aber sie sind selten: In einer Studie waren nur etwa 2 % der kodierten Ausdrücke Mikroexpressionen. Menschen erkennen Lügen nur wenig besser als der Zufall, und es ist nicht nachgewiesen, dass ein Training mit Mikroexpressionen das Erkennen von Lügen verbessert.
§ 1Was eine Mikroexpression ist
Normalerweise hält ein Gesicht einen Ausdruck zwischen einer halben Sekunde und einigen Sekunden. Eine Mikroexpression ist viel kürzer. Die meistzitierte Arbeitsdefinition stammt aus einer Analyse schneller Ausdrücke von Yan und Kollegen (2013): Ein Ausdruck gilt als mikro, wenn er insgesamt weniger als 500 Millisekunden dauert. Ältere Konventionen nannten einen Bereich von 1/25 bis 1/5 Sekunde, also 40 bis 200 ms.
Die Idee geht auf Studien mit gefilmten Therapiesitzungen in den 1960er-Jahren zurück: In verlangsamten Aufnahmen zeigten sich Ausdrücke, die bei normaler Geschwindigkeit zu schnell vorbeihuschten, um aufzufallen. Forschende vermuteten, solche kurzen „Lecks“ könnten ein Gefühl zeigen, das jemand verbergen will. Diese Vermutung hat Mikroexpressionen berühmt gemacht, und genau sie hat die spätere Forschung am gründlichsten überprüft.
§ 2Wie schnell ist schnell? Was Studien gefunden haben
Shen, Wu und Fu (2012) zeigten Ausdrücke für 20 bis 300 Millisekunden. Die Erkennung stieg mit der Dauer und flachte bei etwa 200 ms ab, und Übung verbesserte die Leistung. Sehr kurze Blitze sind schwer zu erkennen, aber nicht unsichtbar.
Im echten Verhalten sind Mikroexpressionen selten. Porter und ten Brinke (2008) kodierten 697 Ausdrücke von Menschen, die echte oder vorgetäuschte Emotionen zeigten. Nur etwa 2 % waren Mikroexpressionen; sie traten bei etwa einem Fünftel der Teilnehmenden auf und betrafen jeweils nur die obere oder die untere Gesichtshälfte, nie das ganze Gesicht.
§ 3Können Mikroexpressionen Lügen verraten?
Das ist die Behauptung, die das Fernsehen berühmt gemacht hat, und die Belege stützen sie nicht. Eine Metaanalyse von Bond und DePaulo (2006) mit 206 Dokumenten und 24.483 urteilenden Personen ergab, dass Menschen Aussagen in 54 % der Fälle richtig als Lüge oder Wahrheit einordnen: nur wenig besser als die 50 %, die man beim Raten erwarten würde.
Mikroexpressionen schließen diese Lücke nicht. In der Studie von Porter und ten Brinke kamen sie beim Täuschen nicht häufiger vor. In einem kontrollierten Test von Jordan und Kollegen (2019) erkannten Personen, die mit einem bekannten Mikroexpressions-Trainingstool geübt hatten, Lügen nicht besser als Personen mit einem Schein-Training oder ganz ohne Training, und die Trefferquote lag insgesamt leicht unter dem Zufallsniveau. Eine Übersichtsarbeit von Vrij, Hartwig und Granhag (2019) beschreibt nonverbale Hinweise auf Täuschung als schwach und unzuverlässig.
Dazu kommt ein Kettenproblem, das Burgoon (2018) beschreibt. Damit eine Mikroexpression eine Lüge entlarvt, muss die Lüge eine Emotion auslösen, die Emotion muss sich im Gesicht zeigen, und der Ausdruck muss unkontrollierbar, häufig genug zum Bemerken und bei Lügnern anders sein als bei Menschen, die die Wahrheit sagen. Die Belege stützen nicht jedes Glied dieser Kette.
§ 4Was dir das Erkennen trotzdem bringen kann
Kurze Ausdrücke zu erkennen ist eine Wahrnehmungsfähigkeit, die sich trainieren lässt. In randomisierten Studien verbesserte Üben mit Rückmeldung das Erkennen kurz eingeblendeter Ausdrücke, und der Zuwachs war zwei bis drei Wochen später noch vorhanden (Matsumoto und Hwang, 2011). Besser wird die Fähigkeit selbst: zu bemerken, dass sich ein Gesicht bewegt hat, und welche Bewegung es war. Döllinger und Kollegen (2021) fanden große Verbesserungen bei der trainierten Aufgabe, aber keinen Transfer auf andere Fähigkeiten, etwa das Erkennen emotionaler Signale in Gesprächen mit Patientinnen und Patienten.
- Ein kurzer Ausdruck zeigt, dass im Gesicht etwas passiert ist, nicht warum. Überraschung über eine Frage, Anstrengung, Unbehagen, eine Erinnerung oder gar nichts Besonderes kann ihn auslösen.
- Ein Ausdruck, der nicht zu den Worten passt, ist eine Ungereimtheit, nach der man fragen kann, kein Beweis für eine Täuschung.
- Gesichtsbewegungen lassen sich Gefühlen nicht eins zu eins zuordnen: Kontext, Person und Kultur verändern ihre Bedeutung (Barrett und Kollegen, 2019).
Fragen und Antworten
Gibt es Mikroexpressionen wirklich?
Ja. Sehr kurze Ausdrücke kommen vor, aber sie sind selten und meist nur teilweise sichtbar. In einer Studie waren nur etwa 2 % der kodierten Ausdrücke Mikroexpressionen.
Kann ich lernen, Lügen am Gesicht zu erkennen?
Für keine Methode ist nachgewiesen, dass sie das zuverlässig kann. Menschen liegen im Schnitt bei etwa 54 % Trefferquote, nahe am Zufall, und ein Training mit Mikroexpressionen hat das Erkennen von Lügen in einem kontrollierten Test nicht verbessert.
Wie lange dauert eine Mikroexpression?
Die meisten Forschenden verwenden heute weniger als eine halbe Sekunde (500 ms). Klassische Definitionen nannten 1/25 bis 1/5 Sekunde.
Ist Mikroexpressions-Training dann nutzlos?
Es verbessert, was es trainiert: kurze Gesichtsbewegungen an Übungsgesichtern zu bemerken. Das kann dich aufmerksamer für Gesichter machen, solange du das, was du bemerkst, als Frage behandelst und nicht als Antwort.